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„Ein Menschenleben ist nur 20 Cent wert...“

CAMM-Mitarbeiterin Domitila Barros berichtet über Straßenkinderarbeit in Recife, Nordostbrasilien


Das Projekt CAMM, ein Zentrum zur Betreuung von Straßenkindern und Kindern aus armen Familien der Elendsviertel in Recife, Nordostbrasilien, stellte die brasilianische Projektmitarbeiterin Domitila Barros im Allerweltshaus vor. Zur Zeit ist sie Stipendiatin und studiert in Berlin. Nach Köln kam sie auf Einladung des Vereins Kinderland Brasilien e.V., der von hier aus eine Reihe von Straßenkinderprojekten in Brasilien unterstützt.
„Wir blicken auf eine über 20jährige Projektförderung verschiedenster Hilfsprojekte in Brasilien zurück“, leitete Werner Wilkens, einer der Vereinsgründer, den Vortrag der Brasilianerin ein, „aber mit CAMM haben wir eine ganz besonders lange Beziehung, denn die Eltern der Referentin waren Pioniere der Straßenkinderbewegung in Brasilien. Wir haben in dieser Zeit schlimme Entwicklungen gesehen, wie die Morde der Todesschwadronen an Straßenkindern, die bis heute nicht vollständig aufgeklärt oder strafverfolgt wurden. Wir haben aber auch gute Entwicklungen gesehen: ein fortschrittliches Statut für Kinder, dem durch Lobbygruppen jetzt Leben eingehaucht werden muss. Und einigermaßen funktionierende Sozialprogramme, die auch armen Familien und deren Kindern nützen.“
Die Berichte von Domitila Barros zeigten aber auch, dass längst nicht alle Familien und Kinder von solchen Programmen profitieren können. Viele Familien seien schon zu zerstört, als dass sie den bürokratischen Weg über die Beschaffung der nötigen Geburtsurkunden und anderer Nachweise gehen könnten. Oft sein Mütter das Familienoberhaupt, jedoch blieben ihnen ohne Schulbildung auch viele Informationen zur Hilfe verschlossen.
Nicht selten stünden Kinder vor dem Tor des Zentrums von CAMM, die bettelten: „Lass mich rein, Tante, ich weiß, dass es bei euch was zu essen gibt!“ Das Zentrum platze mit 100 Kindern jedoch bereits aus allen Nähten und auch die Beschaffung der Finanzmittel für die täglichen Mahlzeiten werde immer schwieriger.
Dabei rückten die gesellschaftlichen und sozialen Probleme Brasiliens immer näher an das Zentrum von CAMM heran. Während früher die Armut und die sozialen Defizite in den Familien im Zentrum abzufangen gewesen seien, indem es regelmäßige Mahlzeiten und eine kompensatorische Kinderbetreuung gab, die gleichzeitig den Schulbesuch stützte, seien heute die Problemlagen massiver.
„Die Drogenhändler und Zuhälter werfen gierige Blicke auf die heranwachsenden Mädchen und sagen den Eltern unter Androhung von Gewalt einfach: Die da will ich! Viele Familien sehen dem Abdriften ihrer Kinder in die Prostitution hilflos zu. Andere Familien bringen ihre Mädchen zum Schutz in unsere Einrichtung.“
Immer wichtiger werde auch die psychlogische Betreuung, um die Kinder überhaupt für ein gemeinsames Leben bei CAMM zu stabilisieren. „In Brasilien weinen die meisten Kinder heimlich im Dunkeln, wenn sie einen solchen Platz finden. Wir aber hatten ein Mädchen, das sich einen ganzen Tag lang auf einem kleinen Karussel bei uns im Hof gedreht hat und dabei herzzerreißend weinte. Sie ließ aber niemanden an sich heran. Später erfuhr unser Psychologe, dass das Mädchen zusehen musste, wie ihre Eltern und Geschwister ermordet worden waren“, so die Referentin.

Dass die Kinder und die Mütter unter den familiären Verhältnissen von Gewalt und bitterster Armut manchmal verrückt würden, verwundere niemanden mehr, erklärte Domitila Barros. Während im Zentrum versucht werde, jeder kindlichen Persönlichkeit zu ihrem Recht und zu ihrer Entfaltung zu verhelfen, würden die Kinder in ihren Familien oft gar nicht als Menschen wahrgenommen. Schwierig sei es auch, die Kluft der Werte des Zusammenlebens im Zentrum von CAMM zu den leidvollen Erfahrungen in den Familien und der Nachbarschaft zu überbrücken.
Dann berichtet sie über ein Gespräch mit einem kleinen Jungen, der sie fragte: „Tante, wieviel ist ein Menschenleben wert?“ „Warum fragst Du, ich verstehe Deine Frage nicht.“ „Ein Menschleben ist nur 20 Cent wert. Gestern sah ich, wie ein Mann bei uns am Kiosk einen anderen Mann umbrachte. Sie stritten um einen Schnaps.“ Ein Schnaps kostet in Brasilien 20 Cent.
Domitila Barros fragt sich, wie Kinder so etwas verarbeiten sollen. Es gehe nur mit sensibler Hilfe und professioneller Unterstützung, die in Einrichtungen wie dem CAMM gegeben werden könnten.
Dafür bittet sie um Hilfe, auch aus Deutschland. Sie bedauert, dass sie während ihres Studiums in Deutschland nicht mehr im Projekt mitarbeiten kann, denn die Nähe zu den Kindern bedeutet ihr viel. Dennoch versucht sie auch in Deutschland für das Projekt nützlich zu sein. Hier hat sie im Internet-Spendenportal http://www.betterplace.org/ ihr Projekt „Ciranda dos sonhos“ (Reigen der Träume) von CAMM vorgestellt, wo man gezielt helfen kann.

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Veröffentlicht2010-03-01 15:01:09
Geändert2010-03-01 15:08:47
Autor / LektorRedaktion / Redaktion
 
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