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Schießereien in der Favela Maré (Stand 18.01.2008)


Aus dem Projekt UERE, dass in der von Bandenkriegen und Polizeieinsätzen beherrschten Favela Maré in Rio de Janeiro liegt, erreichen uns seit Wochenbeginn (14. Jan. 2008) täglich beunruhigende Nachrichten. Das von uns unterstützte Schulprojekt musste laut Leiterin Yvonne Bezerra de Mello immer wieder kurzfristig schließen um die Kinder und Mitarbeiter nicht zu gefährden.

Chronologie der Ereignisse: 

Donnerstag, 24.01.2008 

Gegenwärtig hat sich die Situation in der Favela Maré zum Glück beruhigt. Am gestrigen Mittwoch erreichte uns die Nachricht, dass die Kinder wieder regulär zum Unterricht in die Schule des Projekts UERE kommen. Dennoch ist den Menschen in der Favela bewusst, dass die Lage jederzeit leicht wieder eskalieren kann.

Freitag, 18.01.2008 

6 Tage nach dem Gewaltausbruch in der Favela Maré hat sich die Lage etwas normalisiert. Von UERE erreichen uns heute Morgen folgende Neuigkeiten:

"Am Tag war es etwas ruhiger und einige Kinder kamen zum Projekt und viele hatten Hunger. Die kleine Geschäfte und der Supermarkt waren geschlossen und die Menschen haben keine Lebensmittel oder nur sehr wenig im Haus. Man hat Strom, aber die Telefonleitungen sind gekappt. Auch Wasser ist verfüegbar. Eine Ärztin hat heute Yvonne (Leiterin von UERE) begleitet, um sich die Kinder anzusehen – viele sind völlig übermüdet und sehen krank aus. Andere Kinder sind gar nicht ansprechbar. Yvonne gestaltet das Programm in einer Weise, dass die Kinder das Ganze ein wenig vergessen können. Es wird gesungen, Musik gemacht und es wird gemalt – sonst nichts. Einige Kinder kamen lediglich zum Essen und verschwanden danach sofort wieder nach Hause. Aber das ist okay.  Es ist noch nicht ausgestanden."
(O-Ton Annie Hasemanns, Coordinator of International Programs UERE)


Donnerstag, 17. Jan 2008

Erneut gibt es beklemmende Informationen:„In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (waren) erneut eftige Schießereien zu hören. Am Mittwoch (16.1.08) während des Tageswar keine einzige Seele zu sehen in den Gassen und die Kinder lieben ebenfalls zuhause. Es herrscht panische Angst.In der Nacht von Mittwoch auf heute (17.1.08) wurde erneut geschossen und Personen verletzt in einer Auseinandersetzung zwischen derPolizei und Banditen. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht und sindnoch nicht identifiziert. Laut Aussage der Polizei handelt es sich ei den Verletzten um Drogenhändler.“
(O-Ton Annie Hasemanns, Coordinator of International Programs UERE)


Neuigkeiten aus der Favela Maré, Rio de Janeiro

UERE-Leiterin Yvonne Bezerro de Mello war Zeugin der Invasion am 12. Januar 2008


Brasilianische Helden: Eine Invasion in der Favela Maré beobachtet von einer Augenzeugin
Originaltitel: “Heróis brasileiros: A invasao da Favela da Maré vista por quem estava lá”

Ein Artikel von Yvonne Bezerra de Mello, auf Portugiesisch veröffentlicht: am 14/01/2008 in „O Globo online“
Übersetzung hier: Kerstin C. Frommer

Es waren 8 Uhr in der Frühe. Alles schien ruhig und normal. Die Menschen wachten langsam auf und wir waren dabei uns auf einen weiteren Tag Arbeit vorzubereiten. In der Nacht zuvor hatte niemand geschlafen. Die Schüsse ließen es nicht zu. Jeder war gezwungen sich in seinem stickigen Haus einzuschließen und mit den Moskitos, den Kakerlaken und Ratten zu leben, die bei der Hitze aus den dreckigen Gräben, die die Favela umgeben, in die Häuser krochen. Es hätte ein normaler Tag sein sollen in der Favela für diese brasilianischen Helden. Ein Tag mehr in dieser verrückten Stadt, wo das Legale sich mit dem Illegalen mischt. (…)

Plötzlich jedoch ohrenbetäubender Lärm von Motorrädern, Autos mit röhrenden Motoren und kreischenden Reifen, die von allen Seiten auftauchen. Ungefähr 200 Männer begannen mit der Invasion. Schnell, in einer Totenstille, schlossen sich eiserne Fensterläden, zwangen die Menschen erneut in die Dunkelheit. Augen weit aufgerissen, geöffnete Münder mit stummem Schrei, Mütter schützen ihre Kinder, sich auf den Boden werfend. Ein Hund bellt und plötzlich fällt ein Schuss.

Windstöße folgen auf den Schuss. Schnell ist der Boden übersät mit Kugeln aus den Maschinengewehren und den Karabinern, importiert von der letzten Generation.

Durch den Spalt eines Fensters beobachte ich die Invasion. Ich sehe einen schwerfälligen, keuchenden Polizeiwagen in die Favela einfahren. Eine schwarze, giftige Rauchwolke ist wahrnehmbar, doch dies erschreckt niemanden.

Die Schüsse dauern fort, den ganzen Tag, die ganze Nacht, 2 volle Tage, die die freie Bevölkerung eines demokratischen Landes zu einem Leben in Unterdrückung zwingen, ohne Rechte und verwaist durch die öffentliche Macht, welche sich nur im Wahljahr ein wenig blicken lässt.

2 Tage nach Beginn der Invasion sieht man eine traumatisierte Bevölkerung, mit Gesichtern ohne Farbe und ohne Gefühlsregung. Stumme Kinder mit sichtbaren Zeichen der Erschöpfung nach 48 Stunden kauernd am Boden ihrer Häuschen. Übersensible Kinder, die Augen überschwemmt mit Tränen, reglos und ohne Antrieb, als ob die Gewalt eine banale Sache sei, die zum Alltag gehört. Heute, am Montag, mussten wir unser Projekt (UERE), das 430 Kinder betreut, schließen. Man warnte uns, dass die Situation wieder schwierig werden könne....

Ich wünschte, der Sicherheitschef der Polizei von Rio de Janeiro verbrächte einen Morgen mit mir - und könnte vor Ort die Schäden durch das Fehlen von Frieden in dieser Stadt wahrnehmen. Eine Stadt im Krieg, Gefangene einer urbanen Guerilla, einer unfähigen Polizei, institutionellem Chaos und der fehlender Scham jener Männer, die uns regieren auf allen politischen Ebenen.

Die brasilianischen Helden werden weiter als Gefangene überleben, aber ich bewahre den Glauben, dass eines Tage Männer und Frauen kommen, die BASTA sagen werden und die auch unter großem Druck die ungesunden und todbringenden Strukturen ändern werden, die Brasilien heute beherrschen. Die Hoffnung stirbt zuletzt und ich werde weiter kämpfen, damit die Polizei aufhört, mittelmäßig und schwerfällig zu sein. Und dass die heute teilnahmslose Justiz damit beginnt, jene zu bestrafen, die zulassen, dass eine Stadt zur Geisel von Korruption und Gesetzlosigkeit wird.

Der portugiesische Originalartikel von Yvonne Bezerra de Mello, Gründerin und Leiterin des Sozialprojektes UERE, erschien am Montag, 14. Januar 2008 auf „O Globo online“ und hat dort viel Zuspruch von den Lesern erfahren.

Link zum Original Artikel (brasilianisch)

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Veröffentlicht2008-01-16 10:25:17
Geändert2008-03-13 11:35:33
Autor / LektorWebmaster / Redaktion
 
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